"Die Geschichte des afrikanischen Kinos (verstanden als die Menge aller dort produzierten und gezeigten Filme) ist in den letzten Jahren zunehmend in das Blickfeld wissenschaftlicher Untersuchungen geraten. Allerdings weisen die Forschungen noch entscheidende Leerstellen auf. Eine davon ist das südafrikanische Kino, das aufgrund der politischen Geschichte des Landes in mehrere distinkte Bestandteile zerfällt, so z.B. in die Ära vor und nach dem Machtantritt der die Apartheid etablierenden Nationalen Partei 1948 bzw. deren Abtreten 1994. Ebenso markieren Sprachgrenzen entscheidende Rezeptionsbarrieren. Für die prä-1948er Epoche existiert nur ein Standardwerk zur Geschichte des südafrikanischen Kinos (Thelma Gutsche: The History and Social Significance of Motion Pictures in South Africa 1895-1940, 1972), für die Zeit danach ist Keyan Tomasellis Cinema of Apartheid (New York 1988) grundlegend. Abhandlungen auf Afrikaans werden zudem von der anderssprachigen Kritik selten zur Kenntnis genommen, so dass Ansätze zu umfassenderen kinohistorischen oder filmkritische Studien über die genannten Standardwerke hinaus rar sind.
Ausgehend von offenen Fragen in Gutsches Band versucht Michael Eckardt in Bezug auf die Frühgeschichte des Kinos in Südafrika mit einer Studie zur Filmkritik in Kapstadt Wege aus dieser Wissenslücke aufzuzeigen. Die methodisch reflektierte Untersuchung bewegt sich dabei ob seiner materiellen Basis – Filmrezensionen in Tageszeitungen – an der Schnittstelle zwischen Presse- und Filmgeschichte. Die Leistung der Arbeit besteht dabei vor allem darin, für einen sorgfältig ausgewählten Zeitraum (1928-1930), der sowohl aus ökonomischer Perspektive (Veränderung des Systems der Kinobetreiber) wie auch aus filmhistorischer Sicht (Einführung des Tonfilms) relevant ist, die Charakteristik und Veränderungen der Filmkritiken in zwei Kapstädter Tageszeitungen nachzuzeichnen: Bei der Cape Times handelt es sich um ein englischsprachiges Blatt, das vor allem das liberale Bürgertum bediente; Die Burger hingegen, eine afrikaanssprachige Zeitung, verstand sich offen als Sprachrohr des erstarkenden Afrikaaner-Nationalismus. Eckardt legt den Schwerpunkt seiner Ausführungen vor allem auf die systematischen Zusammenhänge zwischen Presse und Filmwirtschaft: So kommt er für den gewählten Zeitraum zu dem Schluß „that the length of film reviews was not only determined by the particular newspaper but also by the selected cinema. The Cape Times tried to cover all film screenings with reviews and thus preferred smaller critiques (15-29 lines). Die Burger, on the other hand, decreased the number of reviews but published more elaborate critiques and preferred longer reviews (30-59 lines)." (S. 56). Insgesamt, so die nachvollziehbare These, erweist sich die Cape Times eher als ein verlängerter Arm der PR der jeweiligen Kinobesitzer, wohingegen die Filmkritik in Die Burger ein stärkeres Eigengewicht hatte und kulturkritischere Töne anschlug.
Bei der vorliegenden Untersuchung handelt es sich um eine überarbeitete Magisterarbeit, die an der Universität von Stellenbosch angefertigt wurde. Als Teilstudie zur Ermittlung des tatsächlichen Materialbestandes angelegt, macht die Untersuchung von Anfang an klar, dass sie mit ihrem deskriptiven Ansatz die Möglichkeit einer ideologischen Analyse zu Gunsten einer funktionalistischen Beschreibung opfert. Dies geschieht auch mit Blick auf nachfolgende Studien, für die sich das zusammengetragene Material geeignete Anschlußmöglichkeiten bietet. Der Verfasser selbst arbeitet im Rahmen seines Promotionsvorhabens mittlerweile zur Rezeption des Spielfilms der Weimarer Republik in Südafrika im Zeitraum 1928-1933. Auf den S. 69-77 liefert Eckardt zudem ein Beispiel dafür, wie Filmkritiken in vergleichender Perspektive methodisch sauber ausgewertet werden können. Besonders hervorzuheben ist des Weiteren der Anhang mit einer Liste der erfolgreichsten Spielfilme der Jahre 1928-1930 (gemessen nach der Dauer der Spielzeit) sowie einer weiteren Liste, die alle in Kapstadt gezeigten Filme des Untersuchungszeitraumes umfasst. Diese filmhistorische Grundlagenforschung, die auf einer Auswertung von Reklameanzeigen der Kapstädter Kinos in der Tagespresse basiert, soll es künftig ermöglichen, konkretere Aussagen zum lokalen Filmangebot zu machen.
Zusätzliche weiterführende film- und kulturhistorisch akzentuierte Fragestellungen deutet der Eckardt selbst an: so etwa die Frage nach den Publikumsreaktionen beim Aufkommen des Tonfilms bzw. dem Verschwinden des Stummfilms; die Problematik des 1931 neu eingeführten und auch ethnische Kriterien enthaltende Zensurgesetzes; der Sprachstreit zwischen Englisch und Afrikaans im Zusammenhang mit dem Tonfilm oder die Pläne für eine eigene südafrikanische Filmindustrie. Dass solcherlei Fragestellungen vom Verfasser nicht vertiefend behandelt werden, ist selbstverständlich schade, ihm aber auch nicht vorzuwerfen, denn sie stehen außerhalb des erklärten Fokus’ der Studie. In der Tat: Es sind die ideologischen Implikationen des afrikanischen Kinos (hier verstanden in seiner Gesamtheit von Filmen und Dispositiven), die von allergrößtem Interesse sind und auch schon vielerorts lautstark diskutiert werden; auch der kürzlich von Isabel Balseiro und Ntongela Masilela herausgegebene Band To Change Reels. Film and Culture in South Afica (Detroit 2003) zeigt eine Reihe neuer Perspektiven auf das Kino dieses wenig erschlossenen Filmlandes auf. Das besondere Verdienst der vorliegenden Studie besteht indessen darin, mancher materialfernen Diskussion ihre unabdingbare filmhistorische Basis zu verschaffen."
Dirk Naguschewski (Berlin)
Medienwissenschaft 21(2005)4, 479-480
Eckardt’s micro film history, ‘Film Criticism in Cape Town 1928–1930’, looks at the development of film criticism during the conversion period in two South African newspapers, the ‘Cape Times’ and ‘Die Burger’. Originally an M.A. thesis, the presentation of the study is overly systematic and scholastic. The author gives an overview of theoretical literature on a number of topics (from the history of South African film scholarship to film criticism in general). (…) I do not agree with Eckardt that because of scarce research on South African film criticism, an overview of German film criticism instead is appropriate to get a general idea about the opportunities and limitations of film criticism in this particular era (p. 21). Early South African film history has indeed been poorly researched. Thelma Gutsche’s ‘The History and Social Significance of Motion Pictures in South Africa 1895–1940’ (1972) is still considered a basic work of reference for the pre-war period. Yet there are some important problems with this otherwise outstanding piece of scholarship. Gutsche’s research is mainly based on material from South Africa’s English language press. Moreover, the author had an occupational background as a film advisor for the State Bureau of Information. Not surprisingly, the Afrikaans perspective on cinema and film criticism is almost totally absent from her study. Eckardt is therefore correct to warn the reader for ‘unconsidered transmission of her arguments and data into subsequent studies’ (p. 9). To some extend, ‘Film Criticism in Cape Town’ critically revises Gutsche’s findings for the period under scrutiny. The writings of the Afrikaner film critic Hand Rompel used by Eckardt are extremely interesting. The life and work of this fascinating figure would make an excellent topic for a separate research project. (…) As the author acknowledges, the present study is not a terminal point but more an invitation to other scholars to use the collected material as a point of departure for further investigations.
Abridged version (p. 107) of: Engelen, Leen (2006): The Black Face of Cinema in Africa; in: Historical Journal of Film, Radio and Television 26(2006)1, 103-109.